Gorillas wollen keine Menschenrechte

LENA - Tiergarten Nürnberg / © Heike Arranz Rodriguez
LENA - Tiergarten Nürnberg / © Heike Arranz Rodriguez

Unter den meisten Fotos eines ausgewachsenen Gorillas findet man Kommentare wie "Denker" oder "der Chef". - Was das Denken betrifft, so tappen wir bei unseren nächsten Verwandten, den Primaten völlig im Dunkeln. Was Empfindungen wie Schmerz, Freude oder Trauer angeht, unterscheiden sich Gorillas kaum von uns Menschen, darüber sind sich sogar Wissenschaftler und viele Zoologen inzwischen einig. 

 

In den 60iger bis 80iger Jahre hinein begann man vermehrt Gorillas in Zoos zu zeigen. Die meisten Tiere in den deutschen Zoos wurden damals "regelgerecht" bei Tierhändlern "in Auftrag gegeben". Als Zentrum in Europa galt zum Beispiel Antwerpen. Gängige Art und Weise an die Tiere heranzukommen war, dass man einen Familienverband durch Feuerwerkskörper erschreckte und in Netze oder auf Bäume jagte. Man entnahm dem Muttertier das oft nur wenige Monate alte Jungtier gewaltsam. Stellten sich der Silberrücken (männliches Oberhaupt einer Gorillafamilie) oder andere Gorillas in den Weg, so wurde dieser getötet. Nicht selten kam bei einer solchen Aktion eine ganze Gorillafamilie ums Leben. 

 

Über europäische, vor allem französische Häfen gelangten die in Holzkisten gefangenen Jungtiere nach Europa. Teils wurden die Tiere anfangs nicht einmal in den Zoos gezeigt. In Stuttgart zum Beispiel, stellte ein Kaufhaus die Tiere aus. Die Tiere wurden zudem völlig falsch ernährt. Unruhigen Tieren gab man Alkohol zu trinken. Viele Gorillas in den Zoos starben aufgrund der falschen Ernährung viel zu früh. Die Tiere wurden oft mit Schimpansen oder Orang Utans aufgezogen, mussten mit "Messer und Gabel" essen und kleine Kunststücke aufführen. 

 

Man hielt die Tiere so eng in den Betonbauten, dass es zwangsläufig zu Nachwuchs kam. Neugeborene Gorillababys wurden jedoch den Gorillamüttern weggenommen und wuchsen "in menschlicher Obhut" auf. Dabei haben die Tiere Verhaltensweisen entwickelt, die bei ihren Artgenossen in der Natur keine oder kaum eine Rolle spielen. In den Zoos entwickelten die Tiere im Kontakt zu uns Menschen ihre Vorlieben. So mancher Gorilla lutscht noch im Alter von 40 Jahren an den Fingern oder mag Brei. 

BIANKA - Tiergarten Nürnberg / © Heike Arranz Rodriguez
BIANKA - Tiergarten Nürnberg / © Heike Arranz Rodriguez

Mitte der 70iger Jahre trat das "Washingtoner Artenschutzabkommen" in Kraft. Der Handel mit Wildtieren wurde eingeschränkt. Da man sich nicht mehr wahllos in der Natur bedienen konnte seitens der Zoos, veränderte man in den nächsten 20 Jahren die Haltung von Gorillas. Man orientierte sich an den Forschungsergebnissen der Gorillaforscherin Dian Fossey. Jörg Hess (Zoologe) studierte zum Beispiel die Mutter-Kind-Beziehung in den Virungabergen. Bei der Aufzucht der Basler Gorillas in den 80iger Jahren spielten seine Studien eine große Rolle. Nicht wie einst GOMA (sie wurde im Basler Zoo geboren und von Menschenhand aufgezogen), wuchs die neue Generation unter Ihresgleichen auf. 

Was man aber nicht beachtete ist noch heute ein Problem in den Zoos. Durch den Kontakt zu uns Menschen zeigen Gorillas in Zoos anderes Verhalten als in der Natur. Während in der Natur vor allem der Silberrücken das Heft in der Hand hat, suchen sich in den Zoos vor allem die Frauen ihren Partner aus. Da wird ein Silberrücken schon einmal von einer Horde Frauen durchs Zoogelände gejagt (Video) oder "man lässt ihn nicht mehr ran". 

Viele Zoobesucher deuten das Verhalten der Gorillas falsch. Wenn ein Gorilla seine Exkremente genüsslich an die Scheibe schmiert, so kann dies sehr Unterschiedliches aussagen. Einerseits will er ihnen vielleicht "ein Geschenk machen" oder aber (was sehr viel wahrscheinlicher ist) - er will nicht von ihnen gesehen werden. Früher warfen Gorillas mit Exkrementen und Grasbüscheln "zur Freude der Besucher". Die Zoos reagierten mit Glasscheiben. 

 

In einem skandinavischen Zoo überwand ein Gorilla eine Mauer und "verprügelte" ausgerechnet die Zoobesucherin, die ihn fast täglich besuchte und sich darin wähnte, eine "ganz besondere Beziehung" zu dem Tier zu haben. 

 

Jedes Tier im Zoo hat eben seinen eigenen Kopf, seine eigene "Persönlichkeit". Leider erkennen das viele Zoologen nicht an. Die Tiere werden nach den Erwartungen der Zoobesucher "getrimmt". Vor allem in Deutschland wollen die Zoobesucher Jungtiere sehen. Andere Länder haben längst Gruppen mit mehreren männlichen Silberrücken gegründet. In Deutschland jedoch hält man ausschließlich einen Silberrücken pro Gruppe. 

 

Die äußerlichen Wunden heilen bei Gorillas sehr schnell, aber die inneren Verletzungen bleiben ein Leben lang. Gorillas reagieren sehr unterschiedlich auf Einflüsse von außen. Wenn das Umfeld nicht passt, so verweigern sie essen, leiden an Magen,- und Darmbeschwerden oder reißen sich die Haare aus. 

Die Unterbringung der Tiere sollte meines Erachtens nicht irgendwelchen Richtlinien und Standards unterliegen. Naturboden, Klettermöglichkeiten, Verstecke vor Zoobesuchern, genug Raum zum Ausweichen, ein sinnvolles Beschäftigungsangebot gegen die Langeweile ... - für mich eigentlich Selbstverständlichkeiten, sind leider in so manchem Zoo noch immer nicht ausreichend gegeben. 

Gorilla im Gras - Zoo Schmiding/Österreich / © Heike Arranz Rodriguez
Gorilla im Gras - Zoo Schmiding/Österreich / © Heike Arranz Rodriguez

Eine artgerechte Unterbringung in Zoos ist durchaus möglich. Ein gutes Beispiel zeigt der Rostocker Zoo mit seinem "Darwineum", ansatzweise auch im Frankfurter Zoo. Das wichtigste ist vor allem, dass der Zoobesucher "eingeschränkt" wird. Die Tiere müssen die Möglichkeit haben selbst zu entscheiden, wie und wann sie mit uns Menschen agieren. 

 

In letzter Zeit wurde immer wieder die Diskussion entfacht, ob man Gorillas die Menschenrechte geben sollte. Sollte man dies wirklich? Wäre es nicht sinnvoller den Gorillas endlich „Ihre Rechte“ anzuerkennen! -

Damit meine ich das Recht, ein "Zoo-Gorilla" zu sein. 

 

Die Betonbunker müssen verschwinden. Den Tieren sollte unbedingt ein ausreichend großes Außengehege zur Verfügung gestellt werden. Nur wenn Lebensräume möglichst "naturnah" gestaltet werden, fühlen sich die Tiere auch im Zoo wohl und können "Botschafter" für ihre Verwandten in Afrika sein.  


 Fotos/Text: Heike Arranz Rodriguez 

März 2020